Was versteht man unter dem Begriff „Rolle“?
Jedes Mal, wenn wir mit Menschen zusammentreffen, haben wir gewisse, mal konkrete, mal vage Vorstellungen, wie sich die anderen in dieser Situation verhalten werden. Umgekehrt werden auch bestimmte Erwartungen an unser Verhalten gerichtet, denen wir je nach Situation mehr oder weniger gerecht zu werden versuchen. Wir spielen sozusagen eine bestimmte Rolle. Jede einzelne Person innerhalb einer Gruppe verhält sich in einer für sie typischen Art und Weise. Ihr Verhalten hängt grundsätzlich von zwei Faktoren ab. Der eine Faktor ist der Charakter dieser Person. Er ist bestimmt von den Eigenschaften, Fähigkeiten und Erfahrungen, die diese Person ausmachen. Der andere Faktor ist die Gruppe. Wenn du dir einmal überlegst, wie du dich in den verschiedenen Gruppen, in denen du dich bewegst, verhältst (Familie, Schulklasse, Verein oder Freundeskreis), dann wirst du feststellen, dass es da durchaus einige Unterschiede gibt. In der Schule wird von dir erwartet, dass du dich ruhig verhältst und ordentlich mitarbeitest. Deine Freunde oder Freundinnen erwarten vielleicht von dir, dass du jeden Spaß mitmachst und für die gute Stimmung sorgst, was du doch so gut kannst. Entsprechend den Erwartungen, die man an dich stellt, wirst du dich also innerhalb einer Gruppe verhalten. Natürlich beeinflusst du in gewisser Weise auch die Erwartungen, die Andere an dich stellen. Wenn du eher ein stiller Mensch bist, wird niemand von dir erwarten, dass du innerhalb der Gruppe die Stimmungskanone schlechthin bist. Man könnte die typische Art und Weise, wie du dich in einer Gruppe verhältst, auch als deine Rolle in der Gruppe bezeichnen. Innerhalb von Gruppen gibt es häufig Rollen, die sehr charakteristisch sind und nahezu in jeder Gruppe auftauchen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass die/der Einzelne sich die Rolle nur zu einem gewissen Teil selbst aussucht. Es ist eine Wechselwirkung. Der Clown spielt z.B. immer den Clown, weil die Anderen das erwarten und ihn nur in dieser Rolle akzeptieren. Der Clown erhält für seine Späße Anerkennung, die er für seine Selbstsicherheit benötigt. Wenn aber der Clown mal etwas Wichtiges und Ernsthaftes sagt, sind die anderen vielleicht irritiert oder aber es wird wie eben immer als Scherz oder als nicht ernst gemeint angesehen. Somit hat der Clown es schwer, aus dieser Rolle auszubrechen. Als Jugendleiter-in ist es deine Aufgabe, herauszufinden, welche Rollen die einzelnen Gruppenmitglieder haben. Darüber hinaus solltest du immer darauf achten, dass diese Rollen nicht zu gefestigt auftreten und die/der Einzelne nicht darunter leidet. Du bist dafür verantwortlich, dass durch die Arbeit in der Gruppe jede-r die Chance hat, sich in seiner Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Wie das gehen kann, folgt nach einer kurzen Beschreibung der klassischen Rollen innerhalb einer Gruppe.
Einige Beispiele für typische Rollen in Gruppen
Clown
Sie/Er ist der Spaßvogel schlechthin. Die besten Späße kommen von ihr/ihm. Das hebt die Stimmung innerhalb der Gruppe. Allerdings kann es auch nerven, wenn der Clown immer blödelt und bei einem ernsten Thema seine Witzchen macht. Der Clown wandelt auf einem schmalen Grat. Sie/Er kann sehr angesehen sein oder aber einfach nur albern und sich zum Affen machen.
Wie gehst du mit dieser Rolle um?
Als Jugendleiter-in musst du genau hinschauen. Ist das Verhalten des Clowns gut für die Gruppe oder stört es? Gib dem Clown auch mal die Chance, seine anderen Seiten zu zeigen und in die Gruppe einzubringen. Wenn er mal etwas Ernstes und Gutes sagt, lob ihn dafür und unterstütze es, damit er nicht nur für seine Späße Anerkennung bekommt. Wenn dich und/oder die anderen der Clown zu sehr nervt, dann suche ein Gespräch mit ihm allein und sprich mit ihm über sein Verhalten. Im Einzelgespräch sollte seine Rolle thematisiert werden.
Chef*in
Neben dir als Leiter-in fühlt sich diese Person als sprichwörtlicher Chef oder als Chefin. Wenn du mal nicht da bist, schlüpft er/sie in deine Rolle und neigt dazu, den anderen zu sagen, was sie tun sollen. Der Chef/die Chefin möchte immer seinen/ihren Willen durchsetzen und wenn alle gegen ihn/sie sind, sucht er/sie Wege doch noch das durchzusetzen, was er/sie will. Dabei organisiert er/sie auch eine Menge und kann dir Arbeit abnehmen. Der/die Chef-in sieht sich als Stellvertreter-in der Gruppenleitung.
Wie gehst du mit dieser Rolle um?
Der/die Chef-in muss lernen, dass er/sie die gleichen Rechte und Pflichten wie die anderen hat. Er/sie darf niemanden rumkommandieren und sollte von dir gebremst werden. Bewusst solltest du ihr/ihm Aufgaben gemeinsam mit anderen Gruppenmitgliedern auftragen. Wenn es nicht anders geht, kannst du ihr/ihm in einem Gespräch klarmachen, dass er/sie nicht der/die Chef-in ist. Du könntest leicht der Versuchung erliegen, sie/ihn machen zu lassen und die Entlastung annehmen. Deiner Gruppe wird das nicht gefallen und bald gegen sie/ihn rebellieren. Grenzen sollten aufgezeigt werden.
Vermittler*in
Es gibt Gruppenmitglieder, denen der Gruppenzusammenhalt besonders am Herzen liegt. Sie vermitteln bei Konflikten und versuchen zu schlichten. Sie hinterfragen das, was andere tun, und erwarten, dass sich alle vertragen. Sie haben damit in Konfliktsituationen eine besonders wichtige und hilfreiche Rolle.
Wie gehst du mit dieser Rolle um?
Vermittler-innen können dir einiges an Arbeit abnehmen. Sie helfen schließlich dabei, die Konflikte zu lösen. Schwierig kann es nur werden, wenn das so weit geht, dass die Konflikte nur negativ gesehen werden und ein Klima in der Gruppe entsteht, bei dem man überhaupt nicht unterschiedlicher Meinung sein darf. Sollten Vermittler-innen zu harmoniesüchtig werden, muss man ihnen deutlichen machen, dass Konflikte und Meinungsverschiedenheiten nichts an sich Negatives sind. Mit Konflikten sollte konstruktiv umgegangen werden.
Das schwarze Schaf
Häufig gibt es in Gruppen Menschen, die fast alles Negative abbekommen. Es ist ja auch schön einfach und bequem, sie für Probleme oder Schwierigkeiten verantwortlich zu machen. Besonders schwierig ist es, wenn die schwarzen Schafe das noch unterstützen. Es kann sein, dass ein schwarzes Schaf diese Funktion gern übernimmt, da es die einfachste Art für das Schaf ist, Aufmerksamkeit von der Gruppe zu bekommen. Das schwarze Schaf nimmt dann die negativen Seiten gerne in Kauf, bevor es gar nicht von den anderen beachtet wird. Es nimmt alle Schuld auf sich.
Wie gehst du mit dieser Rolle um?
Es ist wichtig, die Stärken dieser Person herauszustellen und andere Wege zu finden, wie sie in der Gruppe Anerkennung finden kann. Natürlich sollte klar sein, dass nur die/der für etwas verantwortlich gemacht wird, die/der auch dafür verantwortlich ist. Wenn mal wieder die Schuld beim schwarzen Schaf gesucht wird, solltest du dich einschalten und die wahren Ursachen herausarbeiten. Die Stärken der Person sollten herausgestellt werden.
Außenseiter
Diese Person gehört gewollt oder ungewollt nicht so richtig zur Gruppe. Sie geht ihren eigenen Weg und hat nicht so recht Kontakt zu den anderen Gruppenmitgliedern. Sie sucht Akzeptanz, welche die anderen nicht gewähren und steht außerhalb der Gruppe.
Wie gehst du mit dieser Rolle um?
Richtige Außenseiter-innen wieder in die Gruppe zu integrieren ist sehr schwierig, wenn die Gruppe sich dagegenstellt. Vermutlich ist es schon zu spät, wenn jemand zum/zur Außenseiter-in geworden ist. Deshalb ist es wichtig schon in der Kennenlernphase zu beobachten, ob Tendenzen für Außenseiter-innen-tum zu erkennen sind. Durch Spiele, bei denen die Teilnehmer-innen in wechselnder Zusammensetzung etwas gemeinsam machen, schafft man möglichst viele Kontaktmöglichkeiten und kann so vielleicht verhindern, dass jemand zum/zur Außenseiter-in wird.
Nörgler*in
Sie/Er ist nie mit irgendetwas zufrieden. Man kann diesen Menschen kaum für ein Programm oder eine Aktivität begeistern. Selbst wenn es den anderen in der Gruppe gefällt, wird der/die Nörgler-in schon ein Haar in der Suppe finden und das Ganze versuchen mies zu machen. Etwas Gutes hat diese Person jedoch, sie sagt ihre Meinung, auch wenn sie kritisch oder negativ ist. Sie ist eben kein-e Ja-Sager-in. Der Gruppenleitung kann sie aber tierisch auf den Nerv gehen und allen den Spaß verderben. Alles wird von der/dem Nörgler-in schlechtgemacht.
Wie gehst du mit dieser Rolle um?
Du solltest Ruhe bewahren und auf die geäußerte Kritik eingehen. Schließlich möchtest du ja, dass deine Gruppe dir ihre Meinung sagt. Durch Nachfragen kannst du sie/ihn bitten, genau zu sagen, was sie/ihn stört. Wenn die Nörgelei allerdings überhandnimmt, sollte man die Person direkt darauf ansprechen, dass dies stört und sie sich ein wenig zusammennehmen soll. Stattdessen sollte man sie/ihn zu sachlicher Kritik auffordern.
Es mag noch ein paar weitere Rollen in Gruppen geben, aber die hier aufgeführten sind wohl die häufigsten und wichtigsten. Es ist nicht zu unterschätzen, wie wichtig so eine Rolle für ein Gruppenmitglied sein kann. Zum einen beschreibt sie die Position oder Stellung der/des Einzelnen innerhalb der Gruppe.
Zum anderen gibt sie Sicherheit, denn sie bestimmt, wie ich mich zu verhalten habe. Am besten ist es, wenn sich diese Rollentypen nicht zu sehr ausbilden. In einer Gruppe, die über ein gutes Wir-Gefühl verfügt und in der sich die Gruppenmitglieder gut verstehen, weil sie sich in der Kennenlernphase kennen und schätzen gelernt haben, ist dies einfacher als in einer Gruppe, die sich nicht so gut versteht. Jugendarbeit sollte gerade ein Übungsfeld sein, wo die/der Einzelne mal die Möglichkeit hat, ein eher untypisches Verhalten auszuprobieren und sozusagen in eine neue Rolle zu schlüpfen. Durch Rollenspiele kann man erreichen, dass eine Person mal eine für sie ungewöhnliche Rolle spielen muss. So erfährt sie, wie sich eine Person mit dieser Rolle fühlen muss. Das kann dazu führen, dass man seine Einstellung der/dem anderen gegenüber ändert und Verständnis für sie/ihn aufbringt.
DEEP DIVE GRUPPENROLLE:
Version 3.3.19